Sylvia Riess Header Bild phantastische Welten-min

Lesepreobe DAS HERZ DES BLAUEN DRACHEN


Hüter der Magischen Welt

1.

Die Oberfläche des Sees lag spiegelglatt und ruhig, obwohl die Hände der Herrin hinein tauchten. Keine Wellen schlugen um sie. Alles wirkte wie eingefroren, als hielte das Leben den Atem an. Als löse die Welt sich von der Zeit, die sie sonst immer unerbittlich weitertrieb.
Und genauso war es auch. Die Nebel erhoben sich in den Sümpfen, aus den Gräben und Bächen, fluteten über das Land und die Wiese, auf der die alte Frau kniete. Ihre langen, silbergrauen Haare hingen in das stille Wasser. Ihre Robe war von Feuchtigkeit durchtränkt und der Saum begann in der Kälte dieses Spätherbstmorgens bereits zu gefrieren. Es störte sie allerdings nicht. Ihr Blick war lang schon dem Diesseits entrückt.
In diesem Moment zwischen der vergehenden Nacht und dem neu anbrechenden Tag, wenn alles andächtig und ruhig war, konnte man es wahrnehmen, konnte sie als Herrin der Heiligen Haine es sogar berühren: das zerbrechliche Gebilde der vierten Dimension. Gestern, Heute und Morgen schwebten vor ihren Augen, wie glänzende Schreine voll Wissen und voller Einblicke, voller Botschaften und voller Warnungen, die der Himmel ihr offenbarte, damit sie das magische Reich führen konnte.
Es war ihr schon lange nicht mehr so leichtgefallen, die Schleier der Zeit zu beschwören wie an diesem Morgen. Der Hohepriester der Sonne, Wächter im Heiligen Bund neben ihr, weilte auf Besuch in den Hainen um den Mondtempel. Jetzt stand Saworno hinter ihr, die faltigen, pelzbedeckten Klauen sanft auf ihre Schultern gelegt. Sein katzenhafter Körper wirkte völlig entspannt bis auf die Schnurrhaare in seinem Gesicht, die zuckten wie bei einem Tiger, der träumte.
Der alte Armati verfügte selbst nicht über die Gabe zu sehen. Diese gehörte schon immer der Herrin und ihrer Nachfolgerin. Nur wenige andere Priester-innen der Gemeinschaft hatten je Zugang dazu gefunden. Dafür war die Magie der Elemente stark in den Priestern der Sonne. Die meisten Brüder im Grünen Tal meisterten irgendwann wenigstens eines der Elemente. Saworno für seinen Teil beherrschte das Feuer bis in die letzte Spitze seiner empfindsamen Tasthaare. Damit war er in der Lage, die Kälte in Hannans Körper zu vertreiben. Er ließ wärmende Flammen durch ihre Adern rinnen, grade stark genug, ihr ein wohliges Gefühl zu geben, ohne sie dabei zu verbrennen. Das half, ihren Körper vor der Kälte, die nach ihm griff, zu schützen.
Es ermöglichte ihr, heute einen längeren und intensiveren Blick in die Schleier der Zeit zu werfen als sonst bei Tagesanbruch, wenn sie allein hierher ans sehen

de Auge kam. Dennoch konnte sie auch heute nicht nach Belieben wählen, was ihr Geist zu sehen bekam. Allein der Himmel traf diese Wahl und er begann stets mit den Bildern des Gestern.
Sonst waren es jünger vergangene Ereignisse. Manchmal scheinbare Nichtigkeiten, die er sie sehen ließ, um größere Zusammenhänge im Nachhinein zu verstehen. Diesmal aber waren es Bilder, wie sie noch nie Hannans Verstand berührt hatten. Ein bisher unangetasteter Teil ihrer Seele, weit verborgen in ihrem Innern, erschauerte bis in das letzte Atom ihres Seins. Ihre Gabe gewährte ihr den Blick auf ein Erui, wie sie es sich nie hatte erträumen können und wie sie es nur aus den ältesten aller Legenden kannte. Sie starrte für Sekunden in eine tiefe, dunkelblaue Mitternacht und spürte gleich, es war nicht irgendeine Nacht. Es war die Nacht. Die Erste, die Ewige. Die, die gewesen war und Erui eingehüllt hatte, bevor jenseits der Schleier die Erdenkinder zu träumen begonnen hatten.
Sie öffnete ihren Geist und lud Saworno ein, das Schauspiel mit ihr zu betrachten. Ein Lachen war zu hören und gleich darauf ein Weinen und ein Murmeln. Sie sah ein Kind, gepackt von wilden Träumen, und ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Denn auch dies war kein gewöhnliches Kind. Es war nicht mal ein Spross Eruis. Es war ein Menschenkind. Das Menschenkind! Das erste träumende Wesen. Gefangen in Bildern, die sein kleiner Geist sich selbst geschaffen hatte, lag es und schlief und träumte den ersten aller Träume.
Die Mitternacht verschwamm vor Hannans und Sawornos Blick und ließ sie sehen, wie sich die Schwingen eines mächtigen Drachen zum Himmel erhoben: Thoran, der Nachtblaue.
Alles in der Herrin erbebte bei diesem Anblick. Sie fühlte, wie sich die Finger auf ihren Schultern zusammenkrampften. Mit angehaltenem Atem wurden sie beide Zeugen der Geburt des Ewigen Fürsten und konnten die Augen kaum davon lösen.
Eruis Anbeginn – Welchem Sterblichen war dieser Anblick je vergönnt gewesen?
Nur Minuten und doch Jahrzehnte lang sahen sie den Drachen fliegen und die Nacht dauerte, bis sie sich mit Sternen- und Mondlicht angefüllt in den ersten Morgen wandelte. Feucht glänzten die gerade erst sprießenden Wiesen im schwachen roten Schein eines neuen Horizontes. Jeder Tautropfen gebar ein silbern leuchtendes Geschöpf von solcher Reinheit und Anmut, dass die Herzen der Hohepriesterin und des Hohepriesters für einen Schlag verstummten. Dann hörten sie den ersten Schrei des Himmelsfürsten und ihre Seelen erzitterten erneut; genau wie unter den Rufen aus tausend Einhornkehlen, die diesem Schrei antworteten.
Sie begriffen kaum, was sich dort vor ihren Augen abspielte, doch hörten sie das Verlangen und die Sehnsucht und die Einsamkeit in jedem Schrei, den der mächtige Drache seinem ersten folgen ließ. Die Sonne schob sich über den Rand, um das erste Mal auf ihre neue Welt zu blicken, und vom Himmel drang ein leises Tönen zum blauen Fürsten hinab. Eine Antwort auf sein zorniges Verzweifeln. Gleich darauf erhoben sich aus dem Licht der ersten Sonnenstrahlen zwei weitere Drachenschwingen.
Hannan zitterte. Sie spürte Tränen in sich aufsteigen ob der Schönheit dieses Augenblicks. Dann verschwamm das Bild und sie hörte die geliebte und vertraute Stimme des Himmels in ihrem Herzen.
„Dies war der erste Tag, den meine Kinder träumten. Viele Tage folgten ihm nach. Die Unsterblichen kamen, die Sterblichen, alle Völker dieser Welt, und alles war gut und golden. Die Städte, welche die magischen Völker erbauten, waren voll von Musik und Kunst und Tanz und Freude. Sie brauchten keine Mauern und keine Wachen. Es gab keine Schwerter und keine Soldaten.
Dann erträumten die Menschen IHN, den Schatten, und Erui, wie ihr es nie kanntet, verging. Aus unschuldigen Lautenspielern wurden Krieger. Steinmetze schufen keine neuen Skulpturen und prächtige Bauten, sondern Wehrtürme und Wachmauern. Die Welt der Magie lernte, dass der Geschmack von Krieg stets bitter und blutgetränkt ist.
Nur die alten Könige konnten SEINE Macht bannen, bloß um in ihrem dunklen Widerschein schließlich zu vergehen. Das Geschlecht der Eidan starb so unverhofft, wie es einst gefunden wurde, und die dunkle Zeit, die ihr nur allzu gut kennt, brach an.“
Die Bilder wichen. Hannan sah als nächstes die Mauern einer großen Stadt umgeben von Sand und Palmen. Auf ihren Zinnen gingen Männer in schweren Rüstungen Wache. Dann plötzlich begannen die Mauern zu beben. Dunkle Flammenzungen leckten auf blankem Stein. Schreie, Schatten, Blut, das aus aufgeschlitzten Kehlen in heißen Wüstensand floss. Feuer loderten überall. In den Straßen lauerte der Tod in Form düsterer Gestalten, geboren aus der Dunkelheit, die das Land westlich der großen Berge in Besitz genommen hatte. Und die Stadt in der Wüste war nicht die Einzige, die brannte. Bald wechselte das Bild zu einem Schloss auf einem Hügel, und dann wieder zu einer Stadt mit silbernen Bannern und wieder zu einer mit goldroten.
Hannan kannte sie alle. Karadar, Sindored, Jambul, Schloss Corwyn – die großen alten Städte, erbaut in den Zeiten, als die sterblichen Völker gerade erwacht waren, und die damals noch keine Mauern und keine Wachen und keinen Krieg gekannt hatten. Doch wie Erui selbst, so hatten sich auch seine Kinder verändert.
Heute wusste ein jeder hier ein Schwert zu führen und einen Yar’Ukhtair zu erschlagen. Die Monstren, die der dunkle Atem gebar, zeigten sich vielgestaltig und tauchten unberechenbar überall im Westen und Norden auf. Eruis Söhne wurden erzogen in dem Bewusstsein, Krieger zu werden. Jeder von ihnen. Zehn Jahre gemessen an der Menschenzeit, ungezählte Sommer diesseits der magischen Schleier, musste ein junger Mann dieser Welt opfern, denn anders konnte man den Schatten nicht davon abhalten, sich in den freien Landen auszubreiten wie ein wucherndes Geschwür.
Wer aber über eine solch lange Zeit den Krieg erlebt hatte, der kehrte nicht einfach nach Hause zurück. Frauen sahen ihre Männer meist nur kurz. Ein paar Wochen oder Monde alle paar Jahre, bis der Krieg sie wieder für sich gewann, bis er sie an sich band, und irgendwann kam immer der Tag, an dem sie zum letzten Mal daheim gewesen waren. Denn der Krieg gab selten frei, was er einmal in seinen Bann geschlagen hatte; und es endete immer auf den Schlachtfeldern im Norden und im Westen, immer in einer Lache aus Blut.
Hannan sah es auch jetzt. Ganze Wiesen und Hügel übersät von Leichen. Krähen, Geier und andere Aaswühler, die sich an den Eingeweiden gütlich taten. Bilder des Grauens, so viele und so schnell hintereinander, dass sie kaum für einen Geist zu fassen waren.
Die Hohe Herrin wurde traurig darüber, wenn sie an das Gefühl der Schönheit und der Erhabenheit dachte, mit dem die Bilder vom ersten Tag sie erfüllt hatten. Wie düster, wie grausam war Erui geworden. Wollte der Himmel ihr das klarmachen? Wollte er sie sehen lassen, was die Erfüllung der ältesten aller Legenden wirklich angerichtet hatte?
Der Sohn des Schattens; er würde diese Welt vernichten. So hatte das Lied es gesungen. Geboren aus dem Schoß jener Sternenprinzessin, die Eruis Licht hatte sein sollen, – hätte sein können!
Laurin von Edin, die man Aljana – Tochter der Hoffnung – genannt hatte. Schönste unter den Schönen und reinstes aller reinen Herzen. Sie war vor einer Ewigkeit, noch vor dem Beginn der zweiten dunklen Zeit, in SEINE Hände gefallen und hatte dem Schatten dieses Kind geboren.
„Es wird der Tag kommen, da werden Vater und Sohn aufeinandertreffen“, wusste die Stimme des Himmels. Hannans Körper krümmte sich unter Schmerzen zusammen. Der Schattendämon, – gestaltgewordene Bosheit und Niedertracht all dessen, was die Menschen einander je Schlimmes angetan hatten –, und Fürst Gomar, jener Sohn, den er mit Laurin, der letzten Königstochter von Edin, gezeugt hatte, und der seit Hunderten von Sommern schon das Land im Norden vergiftete, seine Bewohner zu seinen Schergen verdreht und verdorben hatte und nun auf dem Vormarsch an den Küsten ihrer Welt war, um sich auch den Rest untertan zu machen.
Allein die Vorstellung, was dies wohl für ein Tag sein mochte, brannte bis in die Tiefen ihrer Seele. Ein Gefühl, wie glühend heiße Lava und gleichzeitig eisige Nadeln, die sich tief in ihr Fleisch bohrten und die Kälte des Schattens bis ins Mark ihrer alten Knochen trieben, durchflutete sie.
Saworno spürte einen fahlen Schein ihrer Qualen und weckte einen stär-kenden Zauber, der sie heilsam durchfloss wie warmer Honigwein nach der Kälte eines Schneesturmes. Schützend legte sich seine Magie um ihr angsterfülltes Herz. Für ihn waren die Bilder weiter weg und darum nur einen Bruchteil so er-schreckend.
‚Erui wird untergehen. Erui ist dem Tod geweiht‘, hörte er Hannan denken, doch er spürte, es war ihr eigenes Herz, nicht die Stimme des Himmels.
Er leerte seinen Geist und nahm ihre Angst darin auf. Sein Herz zog sich zusammen, pochte immer wilder und immer lauter. Sein Atem wurde hektisch, angestrengt, er glaubte, ersticken zu müssen, und er musste kämpfen, damit sein altes Herz nicht zersprang. Doch er spürte, wie Hannans Herz ruhiger wurde und sie Kraft fand, weiter zu sehen.
„Ja“, hörte er dann wieder die alles erfüllende Stimme. „Ja, das Erui, wie ihr es kennt, wird vergehen. Sehr bald. Die, die euch nachfolgen, werden es erleben. Die, die ihr er-wählt, sie werden leben in einer Zeit voller Grauen und Wunder, wenn einmal mehr die Welten sich wandeln und ein neues das alte Zeitalter ablöst. Die Tage des Schattens sind nun vorbei. Die Tage des Feuers brechen an. Doch eure Nachfolger allein werden entscheiden, welche Flamme Erui in ihren Schein hüllen wird. Unter ihren Händen und unter ihrer Führung soll ein Erui entstehen, wie kein Mensch es je zu träumen wagte.“
Hannan und Saworno erschauderten beide ob der düsteren Worte. Doch die Stimme war noch nicht fertig. Sie ließ Hannan weiterblicken, als ihre eignen Augen es vermochten: Sie konnte eine Wiese und einen Hügel sehen, von denen sie wusste, sie lagen nicht unweit des Sees, an dessen Ufer sie gerade stand. Es war der Hügel über den Ufern des goldenen Flusses Bejûnen, auf dem das Hohe Schloss, das Schloss der Sterne, stand. Sein Sternenglanz war lang erloschen. Der Schatten hatte es verdorben, als ER die letzte Prinzessin von Edin zur dunklen Königin gemacht hatte. Schloss und Stadt hatten ihre Pracht eingebüßt und alles Leben war aus der einst geschäftigen Weite des Tales geflohen.
In der Vision, die der Himmel Hannan jetzt sandte, konnte sie jedoch sehen, wie eine Ansammlung von Leuten aller Völker auf den derzeit verwaisten Wiesen stand. Das Schloss, das sie selbst nur ein einziges Mal in all seiner düsteren Pracht gesehen hatte, lag in Asche und Staub.
„Das Ende ist der Anfang und dieser Anfang wird das Ende von allem sein, was auf eure Tage folgt. Ob es Asche und Schatten bleibt oder sich in altem Glanze neu erhebt, das wird nicht in eurer Macht liegen. Ihr aber wählt jene, die Erui zu diesen Tagen führen. – Wählt darum weise.“
Damit zogen sich die Bilder aus Hannans Kopf zurück. Sie spürte die Berüh-rung des Himmels und den Zauber der Nebel der Zeit von sich fahren. Augenblicklich drang die Kälte des Bodens, auf dem sie kniete, zu ihr durch. Sawornos Zauber war zwar noch da, doch hatte es ihn sehr geschwächt, sie auf dieser Reise durch Eruis vergangene und künftige Zeiten zu unterstützen.
Sie spürte sein altes Herz hastig klopfen und musste milde lächeln. Dann erhob sie sich und legte dem alten Katzenmann ihren eigenen Umhang um die klapprigen Schultern.
„Es war wohl endgültig das letzte Mal, dass wir gemeinsam sehen durften, was meinst du?“, fragte sie und stützte ihn auf den eigenen, ebenfalls nicht mehr jungen Arm.
„Wählt weise“, hatte der Himmel sie angewiesen. Hannan wurde nachdenklich. Eine Zeit der Veränderung würde anbrechen. Das bedeutete, dass sie ihr Amt nicht einfach nur an einen großen Priester und eine große Priesterin weitergeben mussten, nein. Sie mussten zwei wählen, die außergewöhnlich waren in jeder Hinsicht. Sie mussten tapferer sein und stärker, begabter und größer, als sie selbst es je gewesen waren.
In Sawornos Fall war sie sich sicher, dass sein Nachfolger das erfüllte, denn er war ein Grund, warum er so gebrechlich war. Er hatte bereits vor vielen Sommer schon gewählt und den Jungen zu einem würdigen nächsten Hohepriester im Zeichen der Sonne ausgebildet. Mendrics Fähigkeiten gediehen prächtig unter Sawornos leitender Hand. Sie wusste jetzt schon zu sagen, dass er den Meister bald nach dessen Tod übertrumpft haben würde. Darum auch schwanden die Kräfte des Alten so rasch. Er nutzte sie in jeder freien Minute, um all sein Wissen und all sein Können an den Jüngeren zu geben. Es schwächte ihn, und Hannan war sich sicher, wenn er nach dem Feuerfest wieder in den Westen zum Tempel der Sonne im Grünen Tal zurückkehrte, würde es seine letzte weite Reise sein.
Es stimmte sie ein wenig traurig. Saworno und sie hatten den Tempeln fast fünfundvierzig Menschenjahre gemeinsam gedient. Das waren so viele Sommer hier in Erui, dass sie nach dem hundertsten nicht mehr gezählt hatte. Obwohl aber den Kindern der Nebelwelt ein wesentlich längeres Leben vergönnt war als ihren Erschaffern auf der anderen Seite der undurchdringlichen Schleier, waren auch sie sterblich und vergänglich. Alles fand irgendwann ein Ende.
Insgesamt, wenn man so wollte, hätten sie vielleicht bessere Tage erleben können, schenkte man den Legenden Glauben, die von goldenen Zeiten berichteten. Damals, als der Schatten noch nicht geboren war oder gar als die Könige von Edin noch die Hohe Krone weitergaben und den schützenden Zauber aufrechterhielten. Doch mit dem Ausblick darauf, dass die Welten vielleicht kurz vor ihrem Untergang standen, kam Hannan zu dem Schluss, dass sie es auch schlimmer hätten treffen können. Sie hatten Krieg gesehen und Leid und Not, doch sie hatten auch genug Freude und Lachen erlebt und das war doch etwas, wofür man dankbar sein konnte.
Sie sprach den letzten Gedanken laut aus und der alte Priester kicherte wie ein kleines Kind. Auch er wusste, welche Stunde bald für ihn schlagen würde, sah allerdings gelassen darauf. Er hatte sein Soll erfüllt und er war sich sicher, er hätte nicht weiser wählen können. Mendric, der unstete Junge, den er in den Straßen von Sindored einst aufgesammelt hatte, voll mit magischem Potential, so ganz ohne eine Ahnung, was er damit anfangen sollte, war zu einem Mann herange-reift, der seinen Platz einnehmen würde, vermutlich mit mehr Weitblick und mehr Willenskraft, als er sie je besessen hatte. Dabei waren seine Fähigkeiten noch nicht an ihrem Gipfel angelangt, sondern noch immer tagtäglich im Wach-sen begriffen.
„Nein, um Dren müssen wir uns sicherlich keine Sorgen machen, Hannan. Sorgen mache ich mir nur um dich. Du bist nicht viel jünger als ich. Wann willst du es dir endlich erlauben, zu wählen? Wann wirst du dir die Gewissheit und die Ruhe einer Nachfolgerin gönnen?“
Hannan schüttelte missmutig den Kopf.
„Das hat mit Wollen nichts zu tun, Saw. Ich suche und suche. In jedem Paar Augen, das mich wissbegierig anfunkelt, versuche ich sie zu sehen. Doch es hat nie gepasst. Ich weiß, ich muss wählen, und ich weiß auch, ich habe nicht mehr ewig. Schließlich muss ich sie auch noch vorbereiten. Aber ich kann nicht jemanden bestimmen, mir nachzufolgen, wenn ich die Verbindung nicht spüre. Du weißt das doch wie ich. Unsere Meister haben es uns gesagt, am Tag nach unseren Weihen. Sie haben uns erzählt von der Verbindung, die zwischen einer Wächterseele und ihrem Nachfolger existiert. Wenn meine Nachfolgerin noch nicht vor mir stand, dann wird der Himmel einen Grund haben. Vielleicht ist sie noch nicht geboren, vielleicht ist sie noch nicht bereit, doch ich vertraue der göttlichen Wahl. Der Himmel wird mich führen. Er hat es bis heute stets getan und mich nie enttäuscht.“
Darauf nickte der Alte. Ja, wenn etwas gewiss war, dann, dass der Himmel sein Wort hielt.
Er musste schweren Herzens daran denken, dass er in den Bildern eben nicht nur von Wandel, sondern auch von Untergang gesprochen hatte. Manchmal lagen diese beiden Dinge so dicht beisammen, dass es schwer war, das eine vom anderen zu unterscheiden. Aber musste nicht immer erst etwas Altes untergehen, damit etwas Neues erwachen konnte? Der feine Unterschied war lediglich, dass es nach dem Wandel weiterging.
Der Himmel hatte genau davon eben gesprochen. Das hieß, sie standen an der Schwelle zwischen zwei Zeitaltern, deren Übergang er selbst nicht mehr erleben sollte. Dafür hatte er einen großen Mann erwählt und ausgebildet. Mendric würde diese Welt führen und schützen können, egal durch welchen Feuersturm hindurch. Feuer war in seiner Seele und die Erde band ihn fest und unerschütterlich.
Mit diesem Gedanken überkam ihn die Gewissheit, dass auch Hannan sicherlich noch eine große Frau finden würde. Eine, die an Mendrics Seite die neue Zeit begrüßen konnte und Erui mit der Führung des Himmels auf den Pfad aus dem Schatten lenken würde.
Damit kehrten sie zurück zu den Hütten, die weißgetüncht und mit Riedgras gedeckt im Schatten eines strahlend hellen Tempelbaus standen. Um die Siedlung herum leuchtete unter dem Eis hier und da noch immer rot und grün das Laub der Haselsträucher. – Nualschadan in den heiligen Hainen, das mystische Herz der magischen Welt.
Es war ein wundervoller Anblick. Egal, wie oft Saworno im Laufe seines langen Lebens hier gewesen war, gewöhnen würde er sich nie daran; und ja, es stimmte ihn traurig, dass es heute das letzte Mal für ihn sein sollte, den Tempel so im strahlenden Licht einer klaren Wintersonne zu sehen.

2.

Ich erinnerte mich an die alten Tage, als wären sie kaum einen Sonnenaufgang her. Erwacht aus der Mitternacht, habe ich diese Welt erblickt in der Stunde ihrer Geburt. Ich fühlte das winzige Herz in jener anderen Welt, das uns erschuf. Allein mit seinen Gedanken, seinen Träumen, der Fähigkeit zu schöpfen, die der Himmel seinen liebsten Kindern, den Menschen, mitgegeben hatte.
So klein dieser Geist auch war, so groß war das, was er ins Leben rief. Ich sah Bergrücken sich aus dem Nichts erheben und Hügel und Wiesen und Täler und Wälder und Flüsse, Bäche und Seen. Ich sah sie, die Einhörner, welche mir immer fremd sein werden, aus dem Morgentau entstehen, und ich war bei ihm und reichte ihm meine mächtigen Klauen, dem Bruder von meiner Art, als er im hellen Feuerschein des warmen Himmelskörpers die Augen aufschlug: Tei’quianji shao Haiti’jûn – Licht, so flammend wie das Herz des Himmels.
Ich wusste es noch, als wäre es keinen Augenblick her, wie Teijûn und ich Stunden, Mondläufe, Jahre durch den Himmel tollten. Wir schmückten den Tag mit gelbem Schwefeldampf und die Nacht mit Feuerregen.
Wir waren wie Kinder. Große Kinder, wütende Kinder. Der Zorn, die Macht der alles überstrahlenden Gerechtigkeit, hatte unsere Herzen zum Schlagen gebracht. Eine Macht, wie sie tief in jedem Menschenherzen lebt: Das Wissen um das, was richtig und gut ist, und der Wille, dafür zu kämpfen, für das Leben und für sein Fortbestehen. Doch in diesen Tagen gab es keinen Kampf, den wir hätten kämpfen müssen. Es gab nur uns und den Himmel und einige wenige Landstriche – krude Gebilde, noch gänzlich unverbunden.
Ich weiß noch, wie sich irgendwann schließlich die Tage veränderten. Wir hörten den fernen Ruf eines weiten Landes und wir begriffen, wie riesig sie geworden war, die Welt, erwacht aus dem ersten aller Träume. Nachdem wir den Himmel für uns erobert hatten, war uns schließlich ein Land geschaffen worden, felsig und weit, umgeben von schneeweißen und goldenen Bergrücken. Sie sollten später einmal die Berge von Guenhal heißen, was in der alten Sprachen ‚Wyrmtal‘ bedeutet. Dorthin begaben wir uns.
Sie fassten ein Gebiet aus feuerspeienden Bergen und tiefen Vulkanen, auf deren Grund sich im dampfenden Nebel der Geysiren üppige grüne Dschungel gebildet hatten. Im Südosten dieses Landes, am Rand eines topasblauen Meeres, lag schließlich das größte aller Geschenke: der Berg, dessen schwefeldampfende Hänge mein und meines Bruders Heimat werden sollten. Irdonîn. Der Drachenberg.
Es waren gute Tage gewesen, diese alten Tage. Zunächst nahmen wir uns die Zeit, jeden Winkel unseres neuen Gebietes zu erkunden, jede Höhle, jeden Kraterschlund und jeden Bergkamm. Es war riesig und karg und leer und wundervoll. Aber leer sollte es nicht mehr lange bleiben. Auf unseren Flügen über das Land entgingen uns die sonderbaren Ansammlungen bunt getupfter Gelege nicht. Wir wussten gleich, was sie zu bedeuten hatten. Und schließlich beobachteten wir von weitem, wie sie schlüpften, die ersten Drachenkinder, noch nur aus Traumstaub und Seelensand geschaffen wie wir einst. An den Hängen des Berges wurden die Schwefelgelben geboren, und in den reißenden Lavaströmen, die von seiner Spitze flossen, die Feuerroten. In den tiefen Vulkandschungeln die Grünen; und die Aschgrauen in dem Meer aus Staub und Geröll, das den Irdonîn von allen anderen Bergen unserer Heimat trennte.
Sie waren vollkommen, klein und stark und zornig, und meine Freude über ihr Erwachen spüre ich heute noch. Ich liebte sie, waren sie doch Kinder von meiner Art und damit meine Kinder, ganz gleich, ob ich ihnen den Funken des ewigen Lebens selbst eingeblasen hatte oder nicht. Umso schlimmer, dass ich sie für immer verlassen musste. Und wofür?
Wütend ließ ich Flammen aus meinem Maul auf die kleinen verkrüppelten Birken niedergehen, die in einem Augenblick zu schwarzer Kohle und im nächsten zu weißer Asche verglühten. Mein Atem ließ nichts übrig, wenn ich das nicht wollte. Ich hätte ihn zügeln können. Doch ich wollte nicht. Ich hasste diesen Sumpf. Er war nass und kalt, erdig und wässrig. Und ich hasste Erde und Wasser!
Elemente des Lebens? – Elemente kriechender Lurche und Schlangen. Echsenwesen, die so manch ahnungsloser Geist mit uns verglich. Doch waren sie uns kein Stück weit verwandt. Nicht umsonst trugen wir den Namen Himmelsfürsten. Meine Elemente waren die Luft und das Feuer.
Ich streckte die mächtigen Flügel und schüttelte sie. Der Sturm, der unter ihen hervorbrach, wehte die Asche über die Pfützen und Löcher dieser brackig hässlichen Landschaft. Ich ließ Funken dazu sprühen, denn ich wollte es sehen, das Feuer, wie es mit dem Wind spielte und der Wind mit ihm. Eine gefährliche Mischung, die, wenn man sie nicht im Griff hatte, Tod und Verderben brachte, wo immer ihr heißer Odem niederging. Hier machte es nichts aus, dass die eine oder andere Pflanze zischend verglühte. Ich hasste die Sümpfe und ich wusste auch schon fast gar nicht mehr, warum ich hier war.
Einst, vor einer Ewigkeit, war er zu mir gekommen, der Nebelschleicher, der Silberweber, Schleiergänger, der Fürst der Taugeborenen, Herr des Immerfrühlingswaldes im Nordwesten, – der Einhornkönig Ljosalfur. Der Gedanke allein schüttelte mich. Wie er es hatte wagen können, in unserem Land aufzutauchen!
Dreist und frech und feixend war er an uns vorbeigeschritten. Wusste er nicht, wer wir waren?
Dann hatte er die Unverfrorenheit besessen, mich an die Worte des alten Liedes zu erinnern, des Liedes vom Anbeginn – Worte, die ich sehr wohl selbst kannte! Er hatte gefordert, dass ich erkenne, dass die Erfüllung dieser Worte nun bevorstand.
Er forderte von mir. Wusste er nicht, wer ich war?
Thor’Allion an Deterim ad Aran! – Die Schwingen, die aus der Mitternacht geboren worden waren! Ich war der Eine, der Erste, der Älteste! Und er forderte? Er verlangte? Diese nebelkriechende Missgeburt!
Ich hätte ihn am liebsten in die scheußlich blühenden, üppig-grünen Wälder zurückgeschickt, aus denen er seine Nase gestreckt hatte. Doch leider hatte er mit den alten Worten an etwas in mir gerüttelt. Ich hatte es einst versprochen. Ich hatte mit dem Öffnen meiner Augen zugestimmt, dass ich erfüllen würde, worum der Himmel mich bitten sollte.
So klar wie aber der Anbeginn vor mir lag, so verschwommen waren die Zeitalter, die darauffolgten. Dabei waren es nicht einmal viele gewesen, zwei oder drei, kaum mehr. Ich hatte nicht mitgezählt. Wieso auch? Ich war Thoran. Ich war der Erste. Ich war der Ewige.
Missmutig steckte ich eine weitere Gruppe gekrümmter Bäumchen in Brand. Ich hasste diesen Sumpf und ich würde froh sein, wenn mir wieder einfiel, was mich hierhergeführt hatte, dann konnte ich ihn endlich verlassen.