Kapitel 1
Bleiern und schwer hingen Daves Gedanken in der Luft wie die Nebelschwaden, die mit jedem anbrechenden Tag vom Ufer des Flusses durch die Wiesen heraufgekrochen kamen. Sie klopften mit feuchten, kalten Fingern an die Scheiben der Terrassentür, krochen bis hinauf zum Balkon des Schlafzimmers im ersten Stock und riefen ihn wach.
Zuverlässig. Jeden Morgen.
Er löste sich aus der Umarmung seiner Frau, die wie immer im Tiefschlaf neben ihm lag, ihr Gesicht an seine Schulter gelehnt. Ein Griff zum Morgenmantel, und leise wie ein Dieb in der Nacht huschte er aus dem Zimmer. Die Kinder waren nicht da. Ihre Türen standen offen. Kevin war zum Studieren weggezogen. Daran würde Dave sich noch gewöhnen müssen. Sara war mit einer Freundin nach Frankreich gefahren. Sprachreise. Übermorgen kam sie wieder. 20.30 Busbahnhof. Nicht vergessen!
Die alten Holzstufen knarrten unter seinen Schritten, erinnerten ihn daran, dass sie gerichtet werden sollten, seit sie vor fünfzehn Jahren in dieses Haus eingezogen waren.
„Im nächsten Frühjahr ist es das Erste, was ich mache.“ – Jedes Neujahr derselbe Satz. Seit fünfzehn Jahren.
Wenige Schritte noch, dann stand er an der Tür. Die Sonne begann ge-rade, hinter der Biegung des Flusses aufzugehen. Sie schickte ein diffuses, goldenes Glitzern durch die nassen Nebelfetzen und ließ die knorrigen, alten Apfelbäume zwischen den dünner werdenden Schleiern wie grotesk verkrümmte Riesen emporragen.
Ein pelziges Etwas huschte durch die krummen Zweige von Baum zu Baum. Vielleicht ein Eichhörnchen oder eine zierliche Katze? Ein Kauz schrak auf, als das wuselnde Ding seinen Zweig erreichte, und verschwand im nächsten Augenblick ebenfalls als verschwommener Schatten in den Tiefen des Nebels. Die Eule, die am nahen Waldrand wohnte, ließ ihren letzten Ruf erklingen, bevor sie sich zur Tagesruhe begab, und die Rehe auf der großen Wiese hoben alarmiert den Kopf. Lange würde ihr Frühstück jetzt nicht mehr dauern.
Dave trat mit demselben ehrfürchtigen Staunen auf die Stufen der Veranda wie jeden einzelnen Morgen der vergangenen fünfzehn Jahre und betrachtete das Schauspiel des erwachenden Tages. Dafür hatte er die alte Mühle am Rand des winzigen Dorfes damals überhaupt gekauft. Er liebte die Einsamkeit, auch wenn seine Kinder ihn deswegen ab und an verfluchen mochten. Diese morgendliche Stille, die nur bei Regen ausblieb, war für ihn die beste Zeit des Tages. Die Welt selbst deckte sich dann für eine Weile zu. Sie hielt den Atem an und lauschte, lauschte den vielen Geschichten, die sie schon erlebt hatte, und denen, die sich gerade anbahnten.
Vor langer Zeit, in einem anderen Leben, als er noch kein braver Ehemann und Familienvater gewesen war, hatte einmal jemand zu ihm gesagt: „Der Morgennebel nimmt allem, was lebt und in Bewegung ist, die Sicht auf die Welt. Sogar die Zeit, die immer rastlos und ruhelos ist, wird für einen Augenblick blind und hält an, um ihren Weg nicht zu verfehlen. In dieser Stunde ist alles auf einmal da – das Gestern, das Heute und das Morgen; und wer fähig ist, still und bewegungslos zu werden und zu horchen, der erhascht so manches Mal einen Blick darauf.“
Ein Lächeln flog bei der Erinnerung an vergangene Zeiten über sein Gesicht, bis eine Parkettbohle hinter ihm knarrte und das Geräusch ihn herumfahren ließ.
„Na, hat der frühe Vogel schon etwas gefangen?“ Verschlafen tappte seine Frau durch das Wohnzimmer in die Küche. „Wenigstens Kaffee hättest du anschalten können.“
Schranktüren wurden mit lauterem Klappern als notwendig geöffnet, und jedes weitere Geräusch aus der Küche verriet Caitlins Unmut. Dave versuchte, sich davon nicht ablenken zu lassen, sah der Sonne dabei zu, wie sie die letzten hartnäckigen Schleier aus den Ästen der Bäume fegte und sie wie tanzende Nymphen in die Luft trieb.
„Wo sind denn die neuen Papierfilter?“
„Hab’ gestern vergessen einzukaufen!“
„Och Dave!“
Schuldbewusst zu Boden blickend, wandte Dave sich endgültig von dem einmaligen Schauspiel vor seinem Haus ab und schlurfte, nun ebenfalls gähnend, in Richtung Küche. Da nahm er aus den Augenwinkeln plötzlich Bewegung im Garten wahr. Einen Moment zu spät trat er zurück an die Tür. Hatte er sich das nur eingebildet?
Seine Augen wollten ihm weismachen, eine menschliche Gestalt draußen im Nebel gesehen zu haben. Sie war mit den letzten grauen Schwaden plötzlich zwischen den Bäumen aufgesprungen und in Richtung Wald davon geeilt.
„Dave! Hörst du mir überhaupt zu?“ Caitlin stand mit den Händen in der Hüfte in der Wohnzimmertür und funkelte ihn wütend an.
Er warf noch einmal einen Blick über die Schulter. Nichts zu sehen.
„Du solltest doch mittlerweile jedes verdammte Blatt in diesem Garten mit Namen kennen! Was ist denn so schwer daran, sich einmal davon loszureißen und mir wenigstens zuzuhören? Du warst gestern nun mal mit Einkaufen dran. Ich habe dir den Zettel extra noch an die Pinnwand gehängt; und wo finde ich ihn grade?! Kannst du dich nicht einmal wie ein normaler Mensch benehmen? Ich verstehe ja, dass ich mir darüber hätte Gedanken machen können, als ich mich entschieden habe, einen Schrift-steller zu heiraten. Aber auch geistige Koryphäen müssen essen und trinken und aufs Klo gehen, und ohne Klopapier wird zumindest das ziemlich unangenehm.“
Er kannte ihre Schimpftiraden und wusste, es war am besten, sie einfach über sich ergehen zu lassen. Er würde sich in einer Stunde ins Auto setzen, die zehn Kilometer zum nächsten Supermarkt fahren, ihr einen Strauß Blumen vom Geschäft direkt gegenüber mitbringen, und dann würde sich ihre Laune schon wieder bessern.
Er konnte sich noch an Zeiten erinnern, in denen sie nicht so gereizt gewesen war. Doch der berufliche Erfolg innerhalb der letzten vier Jahre, die Teilhaberschaft an der Kanzlei und der dadurch bessere Verdienst hatten nicht nur Caitlins Zeit stetig weniger werden lassen. Auch die Tage, an denen sie gute Laune hatte, waren selten geworden. – So war das eben, wenn man etwas erreichen wollte. Es konnte nun mal nicht jeder das Leben eines verträumten Autors mittelalterlicher Kriminalromane leben.
Noch viel früher, als er Caitlin nicht einmal gekannt hatte, hätte er sich sein jetziges Leben nicht in seinen abwegigsten Träumen vorstellen können. Niemals hätte er geglaubt, dass er einmal eine Frau treffen würde, die unbedingt arbeiten wollte, die Hosen trug und einem gestandenen Kerl wie ihm die Meinung geigte. Nicht im Entferntesten hätte er daran gedacht, dass er einer solchen Frau einen Heiratsantrag machen würde – und erst recht nicht, dass sie ihn beim ersten Mal ablehnen würde!
Sein Leben war klar gewesen. Gerade. Dass es Aufs und Abs gab, hatte sein Vater ihn gelehrt. Nur von den vielen versteckten Seitenwegen, auf die das Leben einen führte, von dem Links und Rechts des Wegrandes hatte er nie gesprochen.
Ob es sich so allerdings besser oder schlechter lebte, vermochte Dave selbst nach zweiundvierzig Jahren noch nicht zu beurteilen. Er lebte anders, als er es wohl getan hätte, wenn er zu Hause geblieben wäre.
Während er vor sich hin sann und achtlos etwas Honig neben sein Brötchen tropfen ließ, wanderten seine Gedanken zu seinem Vater und seinem Bruder und zu dem gefälschten Ausweis auf den Namen David Vindour in seinem Portemonnaie, auf dem sein ganzes Leben hier begründet lag.
2.
„Fenni? Darf ich reinkommen?“ Auf ein zögerliches „Hmh“ hin streckte Yvonne zunächst ihren braunen Lockenschopf durch einen Türspalt und suchte Blickkontakt mit der Freundin. Als diese den Kopf in ihre Richtung hob und schließlich nickte, schob sie die Tür ganz auf und trat ein. Fenia nahm die Kopfhörer des Mp3-Players aus den Ohren.
„Hey, schön, dass ich dich mal hier treffe. Meistens bist du ja nicht zu Hause, wenn ich klingel. Immer unterwegs, was? – Wie früher.“
Fenia nickte. Eine peinliche Stille trat ein.
„Du, wir wollen heut’ Abend ins Twentyfour, ein bisschen plaudern, ein bisschen chillen. Ich wollte fragen, ob du vielleicht mitkommen magst.“
„Wer ist denn wir?“
„Nina, Lena, Daniel, Alex und mein Bruder Jan. Der ist aus Berlin da. Die Üblichen halt. Wir wollten mal wieder mit der Clique um die Häuser ziehen, wie in alten Zeiten. Wir sehen uns ja auch nicht mehr so oft, seit die Jungs arbeiten gehen.“
Fenia schwieg. Ihr war nicht nach Um-die-Häuser-ziehen. Gar nicht. Allerdings war ihr auch nicht danach in ihrem Zimmer zu sitzen und wieder einen Abend allein vor sich hin zu brüten.
Sie wischte sich mit der Linken über die Augen. Die Müdigkeit ließ sich dadurch jedoch nicht vertreiben.
„Ja, vielleicht komme ich heute Abend mit. Ich mag mich jetzt nur noch ein wenig hinlegen.“
Ihre Stimme kam Yvonne leise und irgendwie kraftlos vor. Fenia war blass und mager. Aber kein Wunder nach allem, was passiert war.
„Okay, ruh’ dich noch ein bisschen aus. Ich komm dann so um sieben vorbei. In Ordnung?“
Fenia nickte. Ihr fielen schon wieder die Augen zu.
***
Gefühlt nur einen Augenblick später klopfte es bereits wieder an ihrer Zimmertür. Schlaftrunken hob sie den Kopf und rief: „Herein!“
„Hab’ ich dich etwa geweckt?“
Es war wieder Yvonne und unten aus dem Wohnzimmer drangen die Stimmen von Nina und Jan zu ihr herauf.
„Du hast doch nicht bis jetzt geschlafen?“
„Doch. Wie spät haben wir denn?“
„Viertel nach.“
„Nach was?“
„Sieben.“
Fenia rappelte sich auf und schaute auf den Wecker. Tatsächlich! Sie hatte den ganzen Nachmittag verschlafen, ohne auch nur ein bisschen ausgeruhter zu sein als zuvor.
„Komm, die anderen warten schon.“ Energisch zog Yvonne sie auf die Füße und betrachtete sie dabei von oben bis unten. Während sie in Fenias Kleiderschrank tauchte, versuchte sie, die gedrückte Stimmung mit ein paar Späßen aufzuhellen.
„Hey schau mal, das hattest du an, als du dich vorm Kino mit Martin so in den Haaren hattest“, lachte sie und hielt einen hellen Pulli mit einem goldgelb glitzernden Einhorn-Motiv in die Höhe.
Fenia versuchte zu lächeln. In ihrem Kopf drehte sich alles. Es kostete sie im Moment bereits all ihre Kraft, auf den Füßen zu bleiben. ‚Martin‘, wirbelte es durch ihre Gedanken.
„Also dein Kleiderschrank ist ’ne Katastrophe. Wir sollten mal zusammen shoppen gehen. Die meisten Sachen da drin sind mindestens fünf Jahre alt.“
„Ja. Ich kam in der letzten Zeit nicht so oft zum Einkaufen“, entfuhr es Fenia gereizt. Im selben Moment tat ihr der bissige Unterton in der Stimme aber auch schon wieder leid. Sie wollte Yvonne keine Vorwürfe machen. Sie versuchte wirklich ihr Bestes. Trotzdem schaute die Freundin betreten weg.
Nach einigem Hin und Her und einer vehementen Weigerung Fenias, sich in irgendetwas mit der Farbe schwarz stecken zu lassen, trug sie schließlich ein paar dunkelblaue Jeans und einen weißen Rollkragenpullover mit halblangen Ärmeln.
„So, und jetzt müssen wir noch das Unkraut auf deinem Kopf bändigen. – Wann hast du die zuletzt gekämmt?“ Yvonne deutete anklagend auf das lange, früher immer glänzende Haar, das im Augenblick in alle Richtungen von Fenias Kopf ab stand.
Wortlos ließ Fenia sich ins Bad schieben.
„Was hättest du denn gern?“
„Mach einfach einen Zopf draus.“
„Nee, wie langweilig. Wir gehen heute aus. Jetzt lass dich mal nicht so hängen.“
Trotz ihrer forschen Worte verrieten Yvonnes Gesten und Gesichtszüge nur allzu deutlich, wie überfordert sie mit der ganzen Situation war.
Fenia nahm ihr das nicht übel. Sie war es ja selbst. Sie wusste, sie hatte sich die ganze Zeit, die sie fort gewesen war, nichts sehnlicher gewünscht, als wieder heimzukehren. Jetzt war sie es, doch es fühlte sich einfach nur fremd an.
Yvonne zupfte ein bisschen hier und da an ihrer dunkelblonden Mähne herum, bis sie schließlich „Et voilá!“ rief und Fenia vor den Spiegel zerrte. Die achtete allerdings nicht auf das, was die Freundin ironisch Kunstwerk nannte. Sie sah bloß das Schreckgespenst mit der fahlen Haut. Unter ihren Augen lagen tiefe Ringe, die von den vielen schlaflosen Nächte der letzten Zeit erzählten. Die Wunden im Gesicht waren größtenteils abgeheilt. Bloß ganz feine, dünne Narben waren an der Stirn und am Hals noch zu erkennen. Sie würden mit der Zeit völlig verblassen. Nur die aufgerissenen Male, wo die Ketten um ihre Handgelenke gelegen hatten, waren immer noch deutlich da. Sie heilten fast gar nicht.
„Vielleicht sollte ich doch lieber was mit langen Ärmeln anziehen.“ Sie rieb sich über die dunklen Verfärbungen und schorfigen Krusten.
„Ach, Quatsch. Da drin ist dunkel. Das fällt sicher keinem auf. Ich finde, du siehst hübsch aus.“
Fenia seufzte leise.
Keine zehn Minuten später saßen sie in Jans Passat. Nina auf dem Beifahrersitz, Fenia und Yvonne hinten. Sie unterhielten sich hauptsächlich über Jans Chemiestudium, weil Nina selbst überlegte, sich nach dem Abi dafür einzuschreiben.
„Wie sind denn die Profs so? Wie Lehrer?“
„Nein, schlimmer!“
Jans Lachen war herzlich. Während er erzählte, schaute er immer wieder in den Rückspiegel und zwinkerte Fenia zu, woraufhin sie jedoch den Blick abwandte und aus dem Fenster stierte. Das Gespräch der anderen ließ sie dabei an sich vorbeiplätschern.
Es war so ungewohnt. Yvis großer Bruder war zwei Jahrgänge über ihnen gewesen. So wie die Jungs aus ihrer Clique von damals. Daniel, Alex, Joe und ja, … ja, und auch Martin. Allerdings hatten Jans Freunde die vier Motorradfuzzis, wie sie bei ihnen abschätzig hießen, nie leiden können. Diese Zeit schien länger her zu sein als bloß vier Jahre. Ein ganzes Leben, wie Fenia empfand.
Damals als Schüler waren ihre größten Probleme die nächste Klassenarbeit gewesen oder welcher Popstar auf Platz eins der Charts rangierte. Wenn sie der Unterhaltung gerade allerdings auch nur einen Moment Aufmerksamkeit schenkte, dann stellte sie fest, dass sich daran für die anderen nicht viel geändert hatte. Anders als für sie.
„Welche Leistungsfächer hast du eigentlich, Fenni?“, fragte Jan plötzlich und riss sie aus ihren Gedanken.
„Noch keine. Ich gehe ja jetzt erst ab Montag wieder hin. Ich habe mich für Deutsch und Physik eingetragen. Wenn ich nicht klarkomme, darf ich aber auch nochmal wechseln“, sagte sie ohne jede Spur von Begeisterung in der Stimme.
Ihre Augen wollten schon wieder zur Scheibe wandern, um die Wälder, an denen sie vorbeifuhren, im Blick zu behalten, doch Jan hatte das dringende Bedürfnis, auch diese Belanglosigkeit zu kommentieren.
„Krass, nach vier Wochen schon?! Ich meine, ist das nicht alles ein bisschen schnell? Du hast doch total viel verpasst.“
Sie nickte abwesend.
„Sie haben mich gefragt, was ich denn an Kursen machen möchte. Dann musste ich einen Test schreiben. Da waren wohl Aufgaben aus den Klausuren vom letzten Jahr drin.“
„Ja stimmt, der Maier hat erzählt, dass du phänomenal gut abgeschnitten hast. Keiner von ihnen hatte das erwartet, weil du ja dreieinhalb Jahre keine Schule hattest, und vor allem auch wegen der anderen Sache … also … du weißt schon.“
Fenia wusste darauf nichts zu sagen. Nina hatte ja recht. Erneut wollte sich eine drückende Stille breit machen, da drehte Jan kurzerhand das Ra-dio auf und sang lautstark und schief zu Brian Adams mit. Er hatte Musik nicht ohne Grund in der Oberstufe abgewählt, und hatte die Lacher damit bald wieder auf seiner Seite.
So kamen sie doch noch relativ gut gelaunt im Twentyfour an, wo Alex, Daniel und Lena schon auf sie warteten und einen der besten Tische freigehalten hatten. Der Laden war die Bar hier in der Stadt. Alles war total schick und modern eingerichtet, nur die urigen Ledersofas in den Ecken dienten als Kontrast. Sie gaben dem Ganzen genau die richtige, entspannte Atmosphäre. Die vier Neuankömmlinge ließen sich in die bequemen Polster fallen und orderten auch gleich ihre Lieblingscocktails.
„Dreimal Long Island Iced Tea, davon einen ohne Alkohol – und was trinkst du, Fenia?“
„Ein Orangensaft, bitte.“
Mit einem charmanten Lächeln machte die Bedienung auf den hohen Hacken kehrt und lief in Richtung Bar. Alex stupste Jan in die Seite.
„Alter, hast du den Vorbau gesehen? Die darf sich das nächste Mal gern noch ein bisschen tiefer über den Tisch beugen.“
Alex grinste. Die Mädchen rollten mit den Augen. Die Gespräche kamen ins Rollen und nahmen ihren Lauf. Sie redeten über Alex’ Arbeit bei der Bank, seinen nervigen Chef und die Kollegin, die seinen Worten nach der Knaller war, wohl aber nichts von ihm wissen wollte. Kein großes Wunder. Daniel wurde ausgequetscht, wo er seine Freundin gelassen hatte, und erzählte dann, dass sie sich gerade auf ihre Abschlussprüfung zur Krankenschwester vorbereitete. Jan erzählte noch mehr von der Uni, von Studentenstreichen und den haarsträubendsten Methoden, bei den streng überwachten Prüfungen doch ein wenig zu schummeln. Als er schließlich die Geschichte von dem Kumpel zum Besten gab, der einen Freund bestochen hatte, betrunken in die Prüfung zu platzen, um den ahnungslosen Dozenten abzulenken, brach der ganze Tisch in grölendes Gelächter aus.
„Heeeee, Harrrrry, du schul’lest mir noch Gält!“, ahmte er die Szene nach und machte ein dummes Gesicht, genau wie der Professor, der sich nicht erklären konnte, woher ein wildfremder Mann, der aussah und roch wie der letzte Straßenbruder, seinen Namen kannte.
Yvonne, die die Story schon kannte, hatte trotzdem einmal mehr die Lachtränen in den Augen stehen.
„Oh man, das erinnert mich an unsere zwei Klassenclowns“, gluckste Nina in ihr Glas.
„Martin und Joe?“
„Japp. Die haben auch immer so Dinger getrieben. Wie die die Frösche im Biokurs vor dem Sezieren gerettet haben.“
„Genau, um sie später Frau Altenberg in die Tasche zu setzen, wo die doch ’ne Phobie vor allem hat, was glitschig oder schuppig ist.“
Martin! Da war er wieder, der Name, den Fenia unter allen Namen auf der Welt zu vergessen suchte. Hastig stand sie auf und wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht. Sie flüsterte ein leises „Entschuldigt bitte“, das fast im lauten Gelächter am Tisch unterging, und verschwand in Richtung der Toiletten.
„Scheiße“, murmelte Daniel.
„Ja, daran hätten wir echt denken können.“ Auch Jan und Nina schauten bedrückt. Nur Alex schien schon zu tief ins Glas geblickt zu haben.
„Ey komm, die soll sich mal nich’ so anstellen. Was schleppt ihr die überhaupt mit hierher? Die is’ doch eh nich’ mehr ganz richtig im Kopf.“
„Ich glaube, du hältst dich mal lieber ein bisschen zurück.“ Jans Augen funkelten zornig.
„Sie kann doch nichts dafür. Meinst du, sie hat sich freiwillig entführen lassen?“
„Ganz ehrlich, Nina? Sie war mit Martin zusammen. Sie wusste bestimmt besser als wir, was der für krumme Dinger gedreht hat. Ich hab’ das ja nie kapiert. Ich mein, heute ist sie echt, … also ne? … Guckt sie euch an. Aber vor vier Jahren! Die hätt’ doch kein Kerl freiwillig genommen. Dass der andere Sachen mit ihr vorhatte, als sie heiraten, das konnte sie sich ja ma’ an ihren zehn Fingern abzählen.“
„Ich glaube, du nimmst dir jetzt besser ein Taxi und fährst nach Hause, Alex.“ Jan packte ihn am Arm und zog ihn von der Couch hoch.
„Alter, spinnst du? Ich glaube es geht noch oder was!“ Alex’ Stimme wurde lauter und andere Gäste drehten sich bereits nach ihrem Tisch um.
Da stand plötzlich Fenia wieder hinter ihnen und legte Jan besänftigend die Hand auf die Schulter. „Ist schon okay. Ich wollte ohnehin heim.“
Der kurze Moment, in dem die Situation in eine Prügelei zwischen den beiden zu eskalieren drohte, verstrich. Jan ließ Alex los.
„Fenni, du musst dir wegen dem nicht die Laune verderben lassen.“
Jan musste zweimal schlucken, bevor er überhaupt noch ein Wort hervorbringen konnte. Sie schien von seiner Nervosität allerdings nichts zu merken.
„Was? Ach. Nein, nein. Ist schon gut. Ich bin nur müde. Ich habe grade meine Eltern angerufen, sie kommen gleich her. Sie wollen sowieso nicht, dass ich so lange weg bleibe. Ich warte draußen auf sie.“
Dass sie müde war, nahmen ihr alle sofort ab. Sie war nun nicht mehr einfach nur blass, sondern kalkweiß im Gesicht.
„Kommt nicht in Frage, dass du draußen wartest. Dein Vater würde uns lynchen, wenn wir das zulassen würden.“ Yvonne sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Keine Sorge. Ich kann auf mich selbst aufpassen.“
„Da hab ich aber anderes gehört!“
Alex hatte sich wieder in die gemütlichen Kissen fallen lassen und prostete ihr nun provokativ mit seinem Glas zu, wofür er gleich fünf böse Blicke erntete. Da Fenia jedoch einfach tat, als habe sie ihn nicht gehört, verlor auch sonst keiner ein weiteres Wort dazu. Stattdessen bot Jan an, mit ihr die paar Minuten draußen zu warten.
„Ein bisschen frische Luft könnte ich auch vertragen“, fügte er mit einem letzten Blick auf Alex hinzu.
Fenia sagte auch hierzu nichts. Dabei entging ihr keineswegs, dass der große Bruder ihrer besten Freundin sie seit ihrer Rückkehr anders behandelte als früher.
Er hatte sich damals kein Stück um sie geschert, war immer mit seinen eigenen Freunden unterwegs gewesen. Er konnte weder mit Yvonnes Freundinnen noch mit den Jungs aus der Clique etwas anfangen. Dabei war er mit Alex, Daniel, Johannes und Martin im selben Jahrgang gewesen. Anscheinend hatte sich das geändert in den letzten Jahren. Genauso wie sein Verhalten ihr gegenüber.
Während sie aus der Glastür hinaus in die kühle Nacht traten, bot er ihr seine Jacke an, denn Fenia selbst war viel zu dünn angezogen. Sie bemerkte das Lächeln, das er ihr schenkte, und lehnte ab, obwohl ihr wirklich kalt war. Sie versuchte seinem Blick auszuweichen. Jan machte den Eindruck, als wolle er über irgendetwas reden. Doch sie wollte jetzt nichts hören. Nicht das, was er zu sagen hatte.
Früher wäre sie nicht in so eine Situation gekommen.
Früher …
***
Vier Jahre zuvor …
Warum war sie jetzt eigentlich hier, fragte Fenia sich, während sie ihre Hände noch tiefer unter dem weiten Pulli vergrub. Es war Januar und bitterkalt. Trotzdem hatte sie ihre Jacke daheim am Haken vergessen. Ihre Mutter würde schimpfen, wenn sie zurückkam, und das mit Recht. Allerdings hatte sie doch selbst noch mit Engelszungen auf ihre Tochter eingeredet, auf Yvonne zu hören und mitzugehen.
Es war immer Yvonnes Idee, wenn sie mitkommen sollte. Schon seit dem Kindergarten war sie die Einzige, mit der Fenia so einigermaßen auskam und die sie nicht irgendwie komisch fand. Also schleifte Yvi sie auch jetzt immer noch fortwährend mit. Damit trug sie Sorge dafür, dass Fenia nicht jeden Nachmittag mutterseelenallein durch die nahen Wälder ihres Dorfes streifte. Wirklich dazu gehörte sie deswegen allerdings nicht.
Die eigentliche Clique bestand damals nur aus Lena, Nina und Yvi. Fenia war die Vierte im Bunde, doch kam sie sich stets wie ein ungeliebtes Anhängsel vor. Lena war die Hübscheste in ihrem Jahrgang und unglaublich beliebt an der Schule. Für Nina und Yvonne war es fast schon eine Ehre, dass Lena sie zu ihren besten Freundinnen auserkoren hatte. Dass Yvi darauf bestand, Fenia mitzunehmen um der alten Freundschaft willen, ging Lena oft auf die Nerven, aber sie tolerierte es.
Erst vor Kurzem hatten sie ein paar Jungs aus der zehnten Klasse kennengelernt und verabredeten sich nun manchmal gemeinsam. Die vier waren die coolste Gang an der Schule, und gerade ihr Anführer Martin war der Mädchenschwarm schlechthin. Er hatte schulterlange, hellblonde Haare, ein sehr markantes, freundliches Gesicht und dunkelblaue Augen, in die die meisten Mädchen total vernarrt waren.
In Fenias Augen war der hübsche Junge allerdings einfach nur ein eingebildeter Mistkerl und sie konnte überhaupt nicht verstehen, was Lena, Nina und sogar Yvonne an ihm fanden. Alle paar Wochen hatte er eine neue Freundin und es war allgemein bekannt, dass er von diesen nicht mehr wollte, als sie ins Bett zu kriegen. Es schien irgendwie ein ehrgeiziger Sport von ihm zu sein, bis zu seinem Abschluss, den er zweifelsfrei miserabel hinlegen würde, jedes gutaussehende Mädchen der Schule herumgekriegt zu haben.
Der Rest der Clique war auch nicht viel besser. Da war sein bester Freund Joe, der nicht viel zu sagen hatte und wenig eigene Meinung zu besitzen schien. Er zeichnete sich einzig dadurch aus, die besten Noten seines Jahrgangs zu haben. Vermutlich war das auch einer der Hauptgründe, warum Martin mit ihm befreundet war. Die anderen beiden waren Alex und Daniel. Ihre Markenzeichen waren die schwarzen Lederjacken, mit denen sie schon fast verwachsen schienen.
An diesem Nachmittag wartete Fenia also als Erste am Kino, und eigentlich graute ihr mehr vor dem, was da kommen würde. Lena würde sich bestimmt wieder an Martin ranschmeißen, der sie vermutlich noch ein bisschen zappeln ließ. Joe würde gar nichts sagen und Alex würde dumme Witze über Brüste machen und die Tatsache, dass Fenia so wenig davon hatte.
Sie fragte sich erneut mit einem langen Seufzer, warum sie sich das überhaupt antat. Vielleicht, um ihrer Mutter das beruhigende Gefühl zu geben, dass sie doch dazu gehörte. Vielleicht auch, um sich selbst zu beweisen, dass sie eine ganz normale Vierzehnjährige war.
Während sie so wartete, ließ sie ihre Gedanken treiben und traf wie sooft das Einhorn. Ihre Fantasie liebte es, sie immer wieder mit allen möglichen Fabelwesen zu überraschen. Am häufigsten allerdings mit diesem wundervollen Geschöpf. Sie entfloh der Kälte und den wenig erfreulichen Aussichten um sich her, indem sie sich vorstellte, wie sie dem Tier auf einer großen, sonnendurchfluteten Waldlichtung gegenüberstand. Der Boden war mit weichem Gras bedeckt. Dazwischen wuchsen Buschwindröschen. Gerade, als sie dem schönen Tier mit den sanftmütigen, braunen Augen den Hals streicheln wollte, dröhnte eine Stimme in ihren Gedanken dazwischen und jemand zog an ihrem Pferdeschwanz. Die Waldlichtung und das Einhorn verblassten.
„Sieh mal einer an, hat Yvi wieder ihr stummes Haustier mitgebracht? Mach mal den Mund auf, du Fisch, und sag mir, wo die Mädels sind.“ Martin taxierte sie mit einem abschätzigen Blick. Sein Gefolge stand hinter ihm aufgereiht.
„Ein Mädel steht vor dir, …“ ,du hohle Nuss‘, wollte sie noch hinzufügen, dachte es sich dann aber nur.
„Wo? Ich seh’ keins“, mischte sich jetzt auch Alex ein. Fenia überging ihn einfach und wollte gerade etwas sagen, als Joe von weiter hinten rief: „Hey Marti, da sind sie schon.“
Martin ließ Fenia daraufhin achtlos stehen und begrüßte die anderen drei ganz charmant jeweils mit einem Kuss auf die Wange. Lena sah er dabei einen winzigen Moment länger in die Augen. Sie schaute kichernd weg. Als ob ihr das peinlich wäre! Es wussten doch alle, worauf sie es anlegte. Fenia hatte jetzt schon keine Lust mehr. Aber was hätte sie machen sollen? Ihre Mutter war noch zu einem Termin gefahren, nachdem sie sie abgesetzt hatte, und würde erst nach dem Ende der Fünf-Uhr-Vorstellung wieder hier auftauchen.
„Dann brauchen wir ja nur noch reingehen, die Karten abholen“, tat Lena kund und druckste einen Moment herum, bevor sie schließlich hinzufügte: „Wir müssen nur schauen, dass wir noch eine Karte mehr kriegen. Mit Fenia hab ich nämlich nicht gerechnet.“
Dass sie mal wieder keine Karte für sie mitbestellt hatte, ärgerte Fenia gar nicht so sehr. Viel schlimmer war, dass sie es zu Yvonne sagte, und so tat, als wäre Fenia selbst gar nicht anwesend.
„Na ja, der Film läuft ja schon ’ne Weile und ich glaub nicht, dass so viele Leute nachmittags um fünf schon die Nerven dafür haben“, meinte Martin, und für ihn war es damit abgetan. Allerdings weder für Fenia, noch für Joe, der ganz entgegen allen Gewohnheiten plötzlich Einspruch erhob.
„Ihr habt also doch für den Horrorfilm vorbestellt?“
„Ja, das war doch schon alles abgesprochen“, tat Lena ganz selbst-verständlich.
„Abgesprochen war auch, dass ich Fenia mitbringe“, merkte Yvonne halbherzig an. Lena wurde daraufhin ungeduldig.
„Aber man weiß ja nie, ob das dann wirklich der Fall ist. Ich wollte nicht für sie mitbestellen, wenn sie dann wiedermal nicht kommt.“
„Als ob es ein Zwang wäre, vorbestellte Karten auch zu bezahlen.“ Fenia platzte bei dieser dreisten Behauptung nun endgültig der Kragen.„Wäre ich nicht hier, dann könntest du da einfach reinspazieren und sagen: Hey, nur sieben von den acht Karten. Wo ist also das Problem?“
„Das Problem ist ja grade, dass du hier bist“, platzte es aus Martin heraus und seine blauen Augen sahen Fenia herablassend an.
Sie wusste, dass er sie nicht leiden konnte, doch so deutlich hatte er es noch nie zugegeben. Fenia hielt seinem Blick allerdings stand. Diesmal würde sie nicht einfach alles runterschlucken. Dieser arrogante Arsch würde schon sehen!
„Wenn du keine Leute um dich haben magst, wenn du mit deiner neuen Flamme ins Kino gehst und im Dunkel rumknutschen willst, dann solltest du vielleicht einfach in Zukunft darauf verzichten, deinen Hofstaat einzuladen.“
Jetzt lief Lena knallrot an. Yvonne wollte den Mund aufmachen, um den ganzen Streit zu schlichten, als ausgerechnet Joe noch einen drauf setzte.
„Richtig, für zwei Leute sind allemal genug Karten da, und wenn ihr anderen mitwollt, auch.“
„Wieso?“
„Weil meine Karte frei ist.“
Martin entgleisten für einen Augenblick alle Gesichtszüge.
„Ich hab dir gestern, als ihr beide telefoniert habt“, Joe deutete dabei auf Lena und ihn, „schon gesagt, dass ich mir den Schwachsinn nicht antue. Darauf hast du behauptet, ihr hättet sie doch nicht bestellt und wir würden heute entscheiden, was wir schauen.“
Selbst Fenia war überrascht. Joe hatte noch nie eine andere Meinung als Martin geäußert. Oder hatte er das bisher einfach nicht so deutlich raushängen lassen?
Es dauerte allerdings nur eine kleine Weile, bis Martin die Beherrschung wiedergefunden hatte. „Na, wenn ihr euch so wunderbar einig seid, könnt ihr ja gemeinsam überlegen, was ihr machen wollt. Wir werden jetzt unsere Karten bezahlen gehen.“ Damit ging er durch die Glastüren und stellte sich am Schalter an. Die anderen folgten ihm.
Joe nicht. Er blieb neben Fenia stehen, zuckte mit den Schultern und meinte: „Und nun?“
„Ich glaube, er erwartet, dass du mitgehst.“ Fenia deutete unsicher durch die Tür auf Martin, der Joe auffordernd ansah.
„Tja, jeder muss irgendwann mal lernen, dass die eigenen Erwartungen enttäuscht werden können. Du siehst aus, als wäre dir kalt. Sollen wir rüber ins Valentinos gehen und ich spendiere dir einen Kakao?“
Von seinem Angebot völlig überrumpelt willigte Fenia ein. Was danach folgte, wurde der seltsamste Nachmittag, den Fenia bis dahin je erlebt hatte. Während sie mit Joe im Café saß und die Sahne von ihrer Tasse löffelte, plauderten sie die ganze Zeit, als wären sie schon immer gute Freunde gewesen. Joe las dieselben Bücher wie sie, liebte dieselben Filme. Überhaupt hatten sie mehr gemeinsam, als sie bisher angenommen hatte. Auch er erzählte, dass er gern einfach draußen unterwegs war, mit dem Motorrad irgendwo zu einer ruhigen Stelle fuhr, um mal für sich zu sein.
„Jetzt sag bloß, dass du auch die Einhörner besuchen gehst?“, lachte Fenia. Bei dieser nur halb spaßig gemeinten Bemerkung fiel ihm der Löffel aus der Hand, mit dem er versonnen in seiner Tasse gerührt hatte.
„Einhörner? Nicht dein Ernst, oder?“
Sie lachte lauter.
„Jein. Also, natürlich nicht echt. Ich bin ja vielleicht weltfremd, aber verrückt bin ich nicht. Nein, wenn ich im Wald bei meinem See bin, dann besuche ich in Gedanken die Einhörner. Eins von ihnen ist mein Freund. Es kommt mich immer abholen.“
Sie wusste nicht, warum sie das gerade ausgerechnet ihm erzählte, doch ihr war einfach danach. Joe sah auch nicht aus, als würde er sie für eine Spinnerin halten.
„Es nimmt mich mit in seinen Wald. Immerfrühlingswald heißt er, hat es gesagt. Dort leben noch viel mehr von ihnen. Es ist wunderschön. Ich wünschte ich könnte es dir zeigen. Aber es ist ja nur in meinem Kopf. Wenn ich die Augen aufmache, dann bin ich immer noch hier.“
Es klang ein wenig enttäuscht.
„Wärst du gerne dort?“
Fenia schaute ihn an. In seinen grünen Augen blitzte es, als stünde er kurz davor, ihr ein Geheimnis zu verraten.
‚Ach Fenia, wenn ich dir nur sagen könnte, dass es diesen Wald wirklich gibt. In der Welt, aus der ich komme …‘, geisterte seine Stimme für einen Augenblick durch ihre Gedanken. Dabei war sie sich ganz sicher, dass Joe nichts gesagt hatte. Sie lächelte und schüttelte dann den Kopf.
Mit offenen Augen zu träumen, zu hören, was sie hören wollte, konnte ein Fluch und ein Segen sein. Aber es war dennoch schön, sich für eine Weile vorzustellen, dass Joe es tatsächlich gesagt hatte.
***
„Du bist ein seltsames Mädchen, Fenia“, hörte sie seine Worte von damals in sich widerhallen und sie trugen sie zurück in die Realität.
Die Erinnerung ließ sie frösteln. Die Jacke, die Jan ihr schließlich doch noch um die Schultern gelegt hatte, hielt sie mit klammen Fingern fest um sich geschlungen. Sie nahm es jedoch nicht einmal wahr; genauso wenig wie seine Versuche, sie anzusprechen. Seine Stimme war nicht bis in ihre Erinnerungen vorgedrungen. Erst als ihr nun plötzlich ein paar Tränen über ihre Wangen liefen und sie sich diese energisch wegwischte, wurde ihr wieder bewusst, dass er neben ihr stand.
„Willst du drüber reden?“
Sie schüttelte den Kopf.
In diesem Moment sah sie völlig verloren aus, fand Jan. Ihre Augen glitzerten. Sie starrte vor sich auf das Kopfsteinpflaster. Er wollte noch etwas sagen. Da hupte ein Auto.
„Mein Vater“, murmelte sie, und es klang wie eine Entschuldigung.
Ohne ein weiteres Wort oder einen Blick über die Schulter zu werfen, stieg sie ein und fuhr fort. Kopfschüttelnd stand Jan noch eine ganze Weile da, bevor ihm nur in seinem Hemd kalt wurde und er wieder in die Bar zu den anderen ging.